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Radfahren

Januar 12, 2012

Radfahren

 Ob mit dem schlanken Straßenrad auf kleinen Nebenstraßen durch das Alpenvorland zu flitzen, ob mit dem Mountainbike auf schönen Trails über Wiesen zu fahren, ob mit der Familie und Kindersitz einen Radausflug zu machen oder auf ruhigen Radwegen durch die Stadt zu radeln, Radfahren ist ein Genuss und eine Kultur. Und trotzdem ist, besonders in der Stadt, kaum etwas so kontroversiell, wie das Radfahren. Wenn man sich in den Zeitungen im Rahmen eines Artikels über neue Radwege die Postings dazu ansieht, schlägt einem oft der pure Hass den Radfahrern gegenüber entgegen. Dabei stinken sie nicht, nehmen keinen Parkplatz weg, sind nicht laut und schicken kein CO2 gegen Himmel. Ein Poster hat einmal ganz nett gesagt: lasst die Radfahrer doch einfach Rad fahren.

 In der Ausgabe 05/2011 des Radmagazins Drahtesel hat Reinhold Seitl (Redaktionleitung) einen Leitartikel „In Zeiten wie diesen“ geschrieben. Dieser ist so pointiert, treffend und positiv gebracht, dass ich ihn um die Erlaubnis bat, diesen Artikel in unserem Blog zu bringen. Und, danke, ich bekam die Erlaubnis. Viel Genuss beim lesen, Gerhard Kögler, Arzt

 

In Zeiten wie diesen

 „Als wollte man das drohende Unheil bannen wie einen bösen Geist, sprach man das Wort immer und immer wieder aus, doch es gelng nur für einen kurzen Augenblick…“ Zitat: F.M.Dostojewsky

 Welch’ Zeiten sind das? Laufend präsentieren uns die Massenmedien Menschen, die das Wort „Krise“ inflationär gebrauchen. Die Wortspender wollen oder können aber nicht schlüssig erklären, aus welchen Gründen sie das eigentlich tun. Eine Krise bringt fundamentale Änderungen mit sich, aber jene Wortführer vermitteln eher den Eindruck, die bevorstehenden Umbrüche zu verdrängen. Und die Unsicherheit vieler Menschen wächst, weil sie das Gefühl haben, dass ihnen „die da oben“ mit besorgtem Unterton und vorgespielter Sicherheit immer mehr Nichtssagendes mitteilen.

 Aber es gibt Menschen in unserer Gesellschaft, die in Zeiten wie diesen heiteren Mutes ihren Geschäften nachgehen, von Unsicherheit der Zukunft gegenüber keine Spur. Diese scheinbar Sorglosen kümmern sich wenig um das Gezeter von wegen „schwieriger Zeiten“, „Finanzkrise“ und „Wirtschaftseinbruch“. Man erkennt sie am handgestrickten Pullover oder am friseur-fernen Haupthaar, an ihrer McDonald’s-Aversion oder an ihrem persönlichen Freiheitsbedürfnis, das deutlich über dem der Gesamtbevölkerung liegt.

 Diese Freunde der befreiten Lebensart schätzen oft das Fahrrad Fahren als ihre liebste Fortbewegungsart, die bevorzugten Naturfasern an ihrem Körper werden waschmittelarm gewaschen und viele Jahre getragen, Nahrungsmittel aus der Region werden besonders gerne gekauft – kurz: sie fühlen sich in einer von Verschwendungssucht getriebenen Gemeinschaft nicht wohl.

 Mit ihrem guten Gewissen gegenüber der Zukunft haben sie aber nicht nur Freunde. „Naturromantiker“, „Grün-Fantasten“, „Realitätsverweigerer“ – das sind einige der freundlicheren Typisierungen ihrer zahlreichen Gegner, die sich damit als jene darstellen, welche Gegenwart und Kommendes besser im Griff hätten.

 Doch in Zeiten wie diesen, wo entscheidende Wendungen bevorstehen (=krisis, gr.), sind Zweifel an herkömmlichen Bewertungen angebracht. Was, wenn sich konsumkritische Öko-Freaks als Vertreter eines zukunftstauglichen Lebensmodells herausstellen? Sie werden von den Stürmen des schwankenden Finanzkapitals wenig berührt. Die Gewitter am Kapitalmarkt perlen gleichsam wie der Regen von naturfetter Schafwolle ab.

 Was, wenn umstürzende Staatssysteme in erdölproduziernden Ländern auf dem Weg zu einer neuen politischen Freiheit selbstbewusst neue Verträge mit ihren westlichen Kunden ausverhandeln, auf dass jene raren fossilen Brennstoffe tatsächlich Goldes Wert sind? Das wird hierzulande den privaten PKW-Verkehr auf seltene Ausfahrten reduzieren, und der Öffi- und Radverkehr wird das Verkehrsbild bestimmen. Und wieder werden die „weltfremden Exoten“, die schon immer mit Muskelkraft ihr Zweirad betrieben hatten, sich als die Weitsichtigeren und neue Aufgaben – besser vorbereitet – lösen können.

 Wenn die Zukunft nicht mehr das ist, was sie war, sondern eben keine Fortschreibung der Gegenwart, würden wir besonders verlässliche Prognosen brauchen. Und gerade diese können in unsicheren Zeiten nicht gestellt werden. „Kluge Propheten warten die Zukunft ab“, meinte launisch der britische Schriftsteller Walpole. Warten wir eben noch ein bisschen und dann werden wir sehen, ob weiterhin nur Angehörige einer „weltfremden“ Minderheit mit dem Schafwollpulli des Großvaters durch den Winter radeln.

Reinhold Seitl, Redaktionsleitung des Magazins Drahtesel

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